
24h de Brive de Julia Alter
24 Stundenlauf von Brive-la-Gaillarde,
Welt-und-Europameisterschaft, 13. & 14. Mai 2010
Motivation gesucht - neu oder gebraucht
Als ich mit meinem Freund Christian Fatton von Brive nach Hause fahre sortiere ich während der Fahrt die Zwischenstandzettel der Reihenfolge nach........10:00 Uhr, 11:00 Uhr, 12:00 Uhr......01:00 Uhr, 02:00 Uhr, 03:00 Uhr.....Moooooment 03:00 Uhr?
Was ist das eigentlich für ein Sport, bemerke ich? Es ist 3 Uhr nachts und wir haben nichts Besseres zu tun als in Zentralfrankreich in einem kalten Park unsere Runden zu schlurfen, klebrige Gels zu schlotzen, bappig süsse Energieriegel zu nagen und versuchen uns auf positive Gedanken zu bringen, damit wir beim vielen Rundendrehen nicht etwa noch druchdrehen, denn Mediziner sind zwar vor Ort aber leider keine Psychologen.
Aber eins nach dem anderen:
Die Organisation war meiner Ansicht nach perfekt:
- Unterbringung in den Hotels
- Bus-Shuttles vom Hotel überall hin wo wir hin mussten
- Essen: kaum Wartezeiten, gute Qualität, schöne, grosse Portionen (Nachschlag möglich aber überflüssig), gepflegte Atmosphäre
- Strecke zwar etwas kurvig u. mit kleiner Steigung aber dafür sehr abwechslungsreich
- Zeitmessung + Verteilen von Zwischenstandenzetteln
- freiwilligen Helfer allesamt sehr hilfsbereit und engagiert
- Siegerehrung und Abschlussfeier
Petrus hatte es gut gemeint mit uns beim Wettkampf oder er hatte einfach die 2 Tage vorher schon sein ”Pulver “ verschossen. Dass gar kein Regen fiel war für mich
ein kleines Wunder.
Es war recht kühl und nachts noch frostiger aber das kam mir gerade recht. Das einzige was mich in den ersten 18 h interessierte war
meine Zeit pro Runde – Kilometer und Rang waren mir wurstegal.
Ich hatte eine schwere Sinnkrise als ich nach ca. 14 h anfing etwas zu schwächeln, aber meine Betreuerin war extra für mich aus den frz. Pyrenäen angereist, da kann ich mich doch nicht so hängen lassen, ausserdem wäre mein Freund nicht zufrieden gewesesen wenn ich “grundlos” aufgegeben hätte und ja, er ist doch immer so stolz auf mich wenn ich mich tapfer schlage (das ist süss).....alles nur extrinsische Motivation? Aber neeeein, ich wollte im Prinzip ja auch laufen, ich hatte es nur für einen Moment lang vergessen.
Es wurde dann irgendwann auch mal hell, ich brachte meine Krise hinter mich (manchmal habe ich auch gesungen – meine Mitläufer mögen es mir verzeihen – man muss das als Gospel verstrehen ;-)) und ich war erstaunt, dass ich meiner Marschtabelle weitestgehendst gehorchen konnte.
Besonders toll fand ich, dass ich kurz bevor ich das letzte Mal über die Zeiterfassungsmatte lief auf meinen Chris auflief, so dass wir die letzten 3 Minuten noch zusammen laufen konnte.
Allerdings scheuchte er mich noch ganz schön, einmal war ich kurz orientierungslos und hätte beihnahe noch einen Crash verursacht weil ich die Kurve nicht richtig
gekriegt hatte.
Päng, der Schlussschuss war ertönt: keine Bewegung mehr, Gang raus, stehen bleiben!
Chris umarmte mich während ich keuchend über dem Absperrgitter hing und aus dem letzten Loch pfiff.
Happy End: alles erreicht was ich niemals zu träumen gewagt hatte. Das Leben erzählt eben die schönsten Geschichten.
Ich musste dann noch zur Dopingkontrolle, die so lange dauerte so dass ich dann auf den letzten Drücker ungeduscht und etwas müffelnd zur Siegerehrung kam.
Abends haben wir mit dem Team im Hotelrestaurant gefeiert, die Atmosphäre war locker und entspannt, eine richtig nette Truppe.
Glückwunsch noch einmal an alle meine Teamkollegen, die ein gutes Rennen gelaufen sind und teilweise auch neue Bestleistungen erreichen konnten. Die anderen sollen nicht traurig sein.....der Laufkalender ist voll mit solchen Events, da findet sich noch eine Gelegenheit sich für nächstes Jahr zu qualifizieren.
Special thanks noch an Stefan Weigelt und Physio Oli Leu, den ich zum Glück nicht brauchte aber dessen Anwesenheit mich sehr beruhigte.
Julia Alter, 17.05.2010