
Brugg/CH, 12 + 24 h, 25./26.09.2010
Was ist schlimmer: 12 h warten oder 12 h laufen?
Der anspruchsvolle 24 h Läufer gibt sich nicht damit zufrieden die Qualifikation für die 24 h WM zu erreichen, er möchte gerne die A-Qualifikation erreichen. Für die männlichen Schweizer bedeutet das 240 km. Da mein Chris dieser Gattung angehört laufen wir in Brugg und können bei der Gelegenheit gleich mal die Strecke testen, denn genau hier werden im Jahr 2011 die Weltmeisterschaften im 24 h Lauf stattfinden.
Hocherfreut über so viel Natur rundherum um die Strecke auf der Aareinsel auf einem Militärgelände suchen wir uns ein Plätzchen für unsere Verpflegung und um 12 Uhr werden die 24 h Läufer auf die Strecke geschickt. Chris hat seine Tochter Lauriane als Betreuerin mitgebracht, diese kann dann gleich das Betreuen für unser nächstes Projekt in 3 Wochen trainieren, nämlich die 48 h von Royan.
Ich werde nur die 12 h laufen und während die 24 h Läufer im Regen schon ihre Runden drehen schlage ich die Zeit tot, denn der 12 h Lauf wird erst um Mitternacht gestartet, so dass das Rennen sonntags um 12 Uhr mittags für alle Läufer zu Ende sein wird. Ich quatsche hier und da und gehe mit einer Begleiterin eines Läufers ins Städtchen Kaffee trinken und Kuchen essen. Sehr lecker, es bleibt jedoch nicht bei einem Stück. Egal, in Anbetracht der mir bevorstehenden sportlichen Betätigung stufe ich diesen Kalorienüberschuss als gute Investition ein. Diese Kaffeepause ist das Highlight des 12h-Wartens, ansonsten zieht sich die Zeit wie Kaugummi. Der einzige Vorteil ist, man freut sich dann auf den Startschuss wie ein Schneekönig.
Mein Ziel ist es 120 km im Komfortbereich zu erreichen. Schon einmal hab ich dieses Jahr über die „Läuferlüge Komfortbereich“ berichtet, dieses ist also Teil II.
Nach der ersten Runde stelle ich fest, dass mein Komfortbereich leider nicht bei 6 min./km liegt, wie erhofft, sondern etwas darüber, also gebe ich etwas mehr Gas um mich nach ein paar Runden auf ca. 6 min./km einzupendeln. Das ist okay und kann im weitesten Sinne noch als Komfortbereich bezeichnet werden. Vielleicht doch zu wenig Erholung nach dem vielen Training??? Was soll’s, ist jetzt nicht zu ändern. Bald meldet sich auch noch mein altes Kriegsleiden (ischiasähnliche Beschwerden) zurück und naja….. das war’s dann wohl schon sehr früh mit dem Komfort. Trotzdem will ich 120 km.
Die sympathische Schweizerin Gabriele Werthmüller läuft deutlich schneller als ich und ich lasse sie erst mal laufen. Will mir nicht 3 Wochen vor meinem 48 h Lauf die Lichter ausschiessen.
Das Wetter ist durchwachsen, abwechselnd regnerisch und trocken, aber für meinen Geschmack nicht wirklich zu kalt.
Chris läuft sagenhafte erste 12 h (130 km). Zu schnell? Anscheinend ja, aber er versucht in Wirklichkeit sogar 250 km zu erreichen. Zu hoch gepokert, aber: wer nichts wagt der nichts gewinnt, dieses Gesetz gilt schon seit der Steinzeit, als die Leute noch ganz andere Sorgen hatten als im Kreis rum zu rennen. Bald spielt aber sein Verdauungstrakt verrückt und er kommt in der 2. Hälfte des Laufs nicht mehr vom Topf runter, bzw. nicht mehr aus dem Gebüsch raus. Unzählige nicht vorgesehene Pausen dafür und eine gewisse Geschwindigkeitsreduktion machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Gegen Ende verabschiedet er sich von seinen geplanten km-Leistungen und will nur noch den Sieg.
Als ich gegen Ende des Laufs merke dass Gabriele etwas abbaut erkundige ich mich bei Siggi Bullig nach meinem Rückstand und versuche sie noch zu kriegen. Ich muss deutlich beschleunigen, aber die Aussicht auf den Sieg motiviert mich und die Aufholjagd vertreibt mir die Zeit, denn ich habe spätestens nach 9 h die Nase gestrichen voll.
Conny Bullig und ich waren schon mal 24-h-Lauf-Teamkolleginnen und ich hatte gehofft, dass sie sich vielleicht wieder für die Mannschaft qualifizieren könnte, sie hat schon mehrfach dieses Jahr eine Bombenform bewiesen. Leider ist es ihr zu kalt und es ist nicht so recht ihr Tag, aber sie kämpft tapfer bis zum Schluss, ist immer auf den Beinen und gewinnt zum Schluss auch die Frauenwertung mit 174 km. Davor habe ich besonderen Respekt, weiter zu laufen, wenn man quasi weiss, dass das Ergebnis weit unter seinen eigenen Erwartungen zurück bleiben wird.
Mit meinem Endspurt gelingt es mir dann Gabriele zu überholen und ich erreiche mein Ziel mit 122 Kilometern. Gerne hätte ich es deutlich lockerer erreicht - ich hoffe, dass mich dieser Lauf nun nicht zu viele Körner gekostet hat und mache mir jetzt noch 3 gemütliche Wochen bis Royan.
Chris kämpft auch taper bis zum Schluss, oft begleitet von seiner Tochter die einen klasse Job macht und neben verpflegen und mitlaufen auch noch ein Filmchen dreht – einmal sehe ich sie sogar mit ihrer Kamera hoch oben auf einer Art militärischem Klettergerüst, wie ist sie da nur hochgekommen? Er ist trotz Verfehlung seines eigentlichen Ziels mit seinem Gesamtsieg und 235 Kilomentern zufrieden. Bekommt man ein Problem beim 24 h Lauf, ist ein persönlicher Rekord oder eine optimale Leistung meist nicht mehr möglich. Als alter Hase weiss er das natürlich auch und ist froh, dass er sich trotzdem bis zum Ende durchgebissen hat.
Die Organisation ist prima und die Strecke ist das Beste was ich je an 24 h Laufstrecken gesehen habe: flach, breite Wege, alles Asphalt, nur 3 harmlose Kurven, frei von Gemeinheiten, umgeben von Natur, nachts sehr gut beleuchtet.
Ich habe jetzt keine Angst mehr vor der WM 2011 – vor der Strecke jedenfalls nicht, höchstens noch vor meiner eigenen Courage!